Etappeninfo
- 11.09.2024
- Kinlochleven → Fort William
- Schritte: 40.232
- 30,9 km
Herzlich willkommen zum neunten Eintrag meines Reisejournals auf dem West Highland Way!
Diese Fernwanderung habe ich gemeinsam mit meinem Vater Stephan unternommen – daher schreibe ich im Journal meist in der Wir Form. Begleite uns auf unserem Weg durch die raue und wunderschöne Landschaft Schottlands, von den sanften Hügeln bis zu den wilden Highlands.
Frühstart in den letzten Wandertag
Ich hoffe, ihr habt den langen letzten Bericht gut verdaut und seid bereit für den letzten Wandertag unseres Abenteuers! Keine Sorge, das ist noch nicht der letzte Bericht, aber unser Finale hatte es in sich.
Ihr könnt es sicher schon erraten, aber auch an diesem Morgen starteten wir wieder früh – wir wussten ja, dass eine lange und anspruchsvolle Etappe vor uns lag. Wir gehörten zu den Ersten, die ihre Zelte abbauten, machten wir uns bereit, den letzten großen Abschnitt in Angriff zu nehmen.
Unser Höhenprofil für den Tag? Am Anfang steil bergauf, dann ein paar kleine Auf und Abs, und am Ende wieder genauso steil bergab. Den ersten Anstieg kannten wir schon von gestern, allerdings da noch bergab. Heute durften wir das Ganze mal aus der anderen Perspektive genießen – bergauf! Und das, während es ununterbrochen regnete.
Regen, Ponchos und ein Regenbogen
Was anfangs mit Regenjacken und -hosen versucht wurde zu bekämpfen, endete schnell in klatschnassen Schichten darunter. Also setzten wir auf Plan B: Regenponchos. Die Ponchos hielten nicht nur uns und unsere Rucksäcke halbwegs trocken, sondern auch den Wind ab, was uns warm hielt.
Der Weg führte uns zunächst durch Wälder, und als wir den steilsten Teil geschafft hatten, öffnete sich die Landschaft – und gleichzeitig der Himmel. Plötzlich kam die Sonne heraus, und wir wurden mit einem wunderschönen Regenbogen belohnt. In diesem Moment hatte ich das starke Gefühl, dass Oma uns begleitete, als würde sie uns auf den letzten Metern anfeuern.
Zwischen Erschöpfung und Snickers-Motivation
Doch die Freude währte nur kurz, denn bald darauf setzte wieder der Wechsel aus Starkregen und strahlendem Sonnenschein ein. Diese kurzen Sonnenphasen waren jedoch ein wahrer Segen, denn sie brachten nicht nur ein bisschen Wärme in unsere durchgefrorenen Knochen, sondern auch neuen Schwung in unsere Wandergeister. Snickers und Twix trugen ebenfalls zur Motivation bei – Papa und ich legten uns immer wieder kleine Etappenziele fest, an denen wir uns mit einem Riegel belohnen durften.
Die Landschaft war einfach atemberaubend, und der ständige Wetterwechsel ließ uns die Natur in all ihren Facetten erleben. Allerdings konzentrierte man sich bei den heftigen Regenphasen doch mehr darauf, nicht auszurutschen, als die Aussicht zu genießen. Auf halber Strecke kamen wir durch einen Nadelwald, wo rechts und links erschöpfte Wanderer saßen, ihre müden Knochen streckten und ihre nassen Sachen zum Trocknen auf Äste hängten. Auch wir ließen uns kurz nieder, aber wirklich lange hielt uns die Kälte nicht auf dem Boden, denn bei nassen Klamotten und Wind wird es einem schnell unangenehm.
Täuschend echt sah der kleine blaue Fleck am Himmel aus, der uns dazu verleitete, die Regenponchos wegzupacken. Wir sollten noch lernen, dass das ein Fehler war. Sagen wir mal so: Es blieb nicht bei dem einen Mal.
Drei Hügel und ein Blick auf den Ben Nevis
Der zweite Teil der Strecke führte uns über drei kleinere Hügel. Wegen des Regens mussten wir wirklich jeden unserer Schritte gut setzen, um nicht auszurutschen. Während die erste Hälfte des Tages uns das Gefühl gab, durch die Highlands zu wandern, fühlte sich die zweite Hälfte eher wie ein Marsch über Stock und Stein an – vorbei an Wiesen und abgeholzten Wäldern. Schließlich erhaschten wir unseren ersten Blick auf den Ben Nevis, den höchsten Berg Großbritanniens, dessen Gipfel trotz der warmen Temperaturen immer noch schneebedeckt war. Ein spektakulärer Anblick! Leider hüllten Wolken ihn bald wieder ein, und er zeigte sich uns nur noch selten.
Kurz vor dem Ziel erreichten wir den letzten hohen Punkt unserer Wanderung. Ein letzter Blick auf den Ben Nevis, dann ging es nur noch bergab. Jeder Schritt brachte uns näher an unser Ziel – aber auch näher ans Ende der Reise. Und je näher wir kamen, desto schwerer wurden die Schritte. Papa hatte nasse Füße, bei mir waren mittlerweile alle drei Schichten meiner Kleidung durchnässt. Wir legten eine letzte Pause ein, die auf Fotos vielleicht gemütlich aussieht, tatsächlich aber direkt neben einer Schnellstraße stattfand.
Ankunft in Fort William: Füße aus Beton, Herzen voll
Als wir schließlich in Fort William ankamen, war unser erstes Ziel das ehemalige Ende des West Highland Way: ein unscheinbares blaues Schild am Stadtrand. Ein älterer Herr bot an, ein Foto von uns zu machen. Seine zitternden Hände ließen mich zwar kurz um mein Handy fürchten, aber das Foto ist trotzdem ganz gut geworden.
Doch das eigentliche Ende des West Highland Way wartete noch: die Statue des Mannes mit den wunden Füßen. Nachdem wir durch die Innenstadt geschlendert waren, gaben Papa und ich uns ein High Five – wir hatten es geschafft! Von Milngavie bis nach Fort William, ein unglaubliches und unvergessliches Erlebnis.
Erschöpft setzten wir uns neben die Statue. Ich hätte meine Füße am liebsten auch gerieben, aber uns stand noch eine letzte Aufgabe bevor: Souvenirs! Trotz unserer Müdigkeit kämpften wir uns in den nächstgelegenen Laden.
Letzte Etappe: Bunkhouse, Vorräte und Vorfreude aufs Heimkommen
Danach ging es zu unserem Bunkhouse, dem „Black Sheep“. Unsere Füße fühlten sich inzwischen wie Betonklötze an, aber die freundliche Begrüßung des Besitzers und das warme Zimmer machten alles wett. Als ich endlich auf ein richtiges Bett fiel – das erste seit Milngavie – war es wie der Himmel auf Erden. Warm, weich und endlich keine Schuhe mehr an den Füßen. Selbst die Motivation, unter die Dusche zu gehen, musste ich erst einmal finden, auch wenn der Luxus einer eigenen Dusche und Toilette sehr willkommen war.
Eigentlich wollten wir nach der Dusche noch in die Stadt zum Essen, aber unsere müden Körper hatten andere Pläne. Stattdessen plünderten wir unsere Rucksäcke und machten uns in der Bunkhouse-Küche über unsere Vorräte her – es fühlte sich an wie ein Festmahl!
Zum Abschluss buchte ich noch unseren Bus für den nächsten Tag zurück nach Glasgow, wo wir nachmittags unseren Flug erwischen sollten. Aber davon erzähle ich euch im nächsten Bericht!
Fazit Stephan
Letzter Tag: wow war das ein On/off Tag! Kaum zieht man das Regencape aus, muss man es schon wieder anziehen. Und doch kommt eine gewisse Wehmut auf mit der Gewissheit, dass dies der letzte Tag ist und uns die Realität des Alltags wieder einholen wird….
P.S.: Die Demographien auf dem West Highland Way
Während unserer Wanderreise sind uns viele Leute begegnet, und wir haben uns mit dem einen oder anderen unterhalten. Was die Zusammensetzung der Wanderer auf dem West Highland Way angeht, können wir sagen: Etwa 50 % der Menschen auf dem Weg waren Amerikaner, und von diesen waren gefühlt 95 % Rentner. Die zweite große Gruppe auf dem Weg waren Deutsche, allerdings war Papa hier eindeutig einer der Älteren – die meisten Deutschen waren eher in meinem Alter unterwegs. Aber auch Wanderer aus allen möglichen europäischen Ländern zog es nach Schottland, um die beeindruckende Natur zu genießen.
Altersmäßig lässt sich der West Highland Way also in zwei Gruppen unterteilen: Rentner und Leute in meinem Alter. Alles dazwischen war eher spärlich vertreten.
Eine weitere Beobachtung: Rund 85 % der Wanderer ließen ihr Gepäck von Unterkunft zu Unterkunft transportieren und waren nur mit einem leichten Tagesrucksack unterwegs – eine ziemlich clevere Lösung! Papa dagegen war einer der wenigen seiner Altersklasse, die ihr gesamtes Gepäck selbst geschleppt haben und im Zelt übernachteten.
Man kann den West Highland Way in 5 bis 14 Tagen bewältigen, aber die meisten Wanderer, mit denen wir sprachen, entschieden sich für die goldene Mitte: 7 bis 8 Tage. 95% der Wanderer beschreiten den Weg von den Süden in den Norden.