Etappeninfo
- 10.09.2024
- Kingshouse → Glencoe → Kinlochleven
- Schritte: 19.377
- 14,5 km
Herzlich willkommen zum achten Eintrag meines Reisejournals auf dem West Highland Way!
Diese Fernwanderung habe ich gemeinsam mit meinem Vater Stephan unternommen – daher schreibe ich im Journal meist in der Wir Form. Begleite uns auf unserem Weg durch die raue und wunderschöne Landschaft Schottlands, von den sanften Hügeln bis zu den wilden Highlands.
Sturmnacht in der Hobbit-Hütte
Wie man im letzten Beitrag lesen konnte, sind wir bei wildem Wind und Regen eingeschlafen – die perfekte Soundkulisse, wenn man in einer Hobbit-Hütte schlummert. Nur dass unsere Hütte ein wenig mit jedem kräftigen Windstoß mitschwang. Ich konnte schon sehen, wie die Hütten im Domino-Stil nacheinander den Abhang hinunterpurzeln – aber keine Sorge, wir waren immerhin die oberste Hütte. Papa hat natürlich versichert, dass sowas NIEMALS passiert.
Man sagt ja, man lernt aus seinen Fehlern, und das tun wir auf Abenteuern ständig. Wer mich schon mal über meine Reiseerlebnisse ausgefragt hat, kennt die folgende Geschichte vielleicht, aber für alle anderen hier die Kurzfassung: Bei einer meiner ersten Nächte im Zelt auf meinem ersten Norwegen-Roadtrip, zelteten ich direkt an der Küste Norwegens. Die Sonne schien, der Himmel war blau und der Urlaub startete perfekt. Bis ich nachts durch den lautesten Knall meines Lebens geweckt wurden – ein Blitz schlug keine 150 Meter von mir entfernt ein. Das war die Art Adrenalin, die dich in einer Millisekunde von Tiefschlaf auf 100 Tassen Espresso bringt. Seitdem checke ich den Wetterbericht, als würde mein Leben davon abhängen – und da ich Mama versprochen habe Papa heile nach Hause zu bringen versuchte ich mich fast schon als Wetterfrosch.
Sicherheit vor Abenteuer: Der Wind entscheidet
So auch an diesem Morgen in unserer kleinen Hobbit-Hütte. Regen? Kein Problem, das ist Schottland, das ist Standard. Der Wetterbericht allerdings kündigte starken Regen und, viel spannender, Sturmböen von 80 km/h an – dazu noch ein konstantes Lüftchen mit 40 km/h. Jetzt sind Papa und ich keine Wanderprofis, aber eine schnelle Google-Recherche bestätigte uns: Solche Bedingungen bedeuten, dass du mit jedem Windstoß das Gleichgewicht verlieren kannst und es sich bei Regen und Höhe anfühlt, als wären es minus 10 Grad. Papa und ich entschieden, dass wir keine Lust haben, uns als menschliche Drachen durch die Highlands wehen zu lassen. Die Vorstellung, Mama anrufen zu müssen und zu erklären, dass Papa gerade per Helikopter aus einer Schlucht geborgen wird, war auch nicht so verlockend.
Also ließen wir die Tagesetappe sausen – dabei hätten wir den höchsten Punkt des Devil’s Staircase erreicht, aber hey, sicher ist sicher. Also hieß es: statt klettern und stürzen lieber Busfahren. Von unserem Ski-Resort in Kingshouse nahmen wir einen Bus nach Glencoe. Und wir waren nicht die Einzigen, die sich lieber den Elementen entzogen. An der Bushaltestelle standen ein paar mehr Leute, die wohl ähnlich dachten, wenn auch nicht so viele, wie ich erwartet hatte. Schon der Weg zur Bushaltestelle war ein Erlebnis: Der Wind drückte uns mit voller Kraft entgegen, und ich fühlte mich mit dem Rucksack auf dem Rücken wie ein Käfer, der super schnell bei dem kleinsten Windstoß auf dem Rücken landet und strampelt, um wieder hochzukommen.
Glencoe: Geschichte, Gänsehaut und Tankstellen-Tee
Die Busfahrt (der Bus hielt an, weil wir den Daumen ausgestreckt hatten) selbst war allerdings ein echter Genuss – zumindest für die Augen. Wer jemals einen Roadtrip durch Schottland plant, sollte unbedingt diese Strecke fahren (es handelt sich hierbei um die A82 zwischen Tyndrum und Glencoe)! Eine kurvige Straße, die mitten durch die Highlands führt, umgeben von imposanten Bergen, die sich wie mächtige Wächter links und rechts aufbäumen.
In Glencoe angekommen, mussten wir zwei Stunden Aufenthalt überbrücken, bevor der nächste Bus nach Kinlochleven fuhr. Ein netter kleiner Ort, aber unsere Wanderklamotten sorgten nicht gerade dafür, dass wir in dem süßen Café willkommen waren oder zumindest fühlte es sich so an. Also begnügten wir uns mit Kaffee und Tee von der Tankstelle und einem hübschen Aussichtspunkt am Loch Leven. Papa nutzte die Gelegenheit, um sich in seine wöchentliche Arbeitssitzung auf Teams einzuwählen – inklusive „Hallo“ in die Runde mit Regenbogen im Hintergrund. Ziemlich episch, muss ich sagen!
Glencoe gilt als eines der beeindruckendsten Täler in ganz Schottland. Geformt durch Gletscher und uralte Vulkane, beeindruckt es mit dramatischen Berglandschaften, steilen Hängen und einer Atmosphäre, die gleichzeitig majestätisch und geheimnisvoll wirkt. Bekannt ist Glencoe nicht nur für seine Natur, sondern auch für seine bewegte Geschichte – besonders für das tragische „Massaker von Glencoe“ im Jahr 1692. Heute ist das Tal ein Paradies für Wanderer, Fotografen und alle, die die wilde Schönheit der Highlands erleben wollen.
Um die Zeit weiter totzuschlagen, stöberten wir noch in dem winzigen Supermarkt des Ortes, wo wir feststellen mussten, dass etwa zwei Drittel der Regale leer waren. Der Laden sah aus, als hätte er bald geschlossen, aber der Besitzer erzählte uns, dass seine letzte Lieferung ausgefallen war und die schöne Wetterlage der letzten Woche sein Lager so gut wie leer gekauft hatte. Also gönnten wir uns ein paar übrig gebliebene Pappbrötchen und leckere Schokokekse. Nicht schlecht für einen Supermarkt, der fast wie ausgestorben wirkte!
Magischer Moment und spontane Zusatzwanderung
Nach zwei Stunden brachte uns dann der Bus nach Kinlochleven. Kinlochleven liegt eingebettet zwischen hohen Bergen am Ende des Loch Leven und ist ein kleiner, aber lebendiger Ort am West Highland Way. Früher war Kinlochleven vor allem für seine Aluminiumproduktion bekannt – heute ist es ein beliebter Zwischenstopp für Wanderer. Besonders beeindruckend ist die landschaftliche Umgebung: dichte Wälder, Wasserfälle und die steilen Berghänge der Highlands bieten eine wunderschöne Kulisse. Außerdem gilt Kinlochleven als perfekter Ausgangspunkt für kleinere Abstecher und entspannte Pausen auf dem Weg nach Fort William.
In Kinlochleven wollten wir direkt zum Campingplatz und unser Bett für die Nacht aufschlagen, aber – Überraschung! – wir durften unser Zelt erst ab 15 Uhr aufbauen. Also deponierten wir unsere Rucksäcke in einer kleinen Hütte und machten uns auf den Weg, den nahegelegenen Wasserfall zu erkunden. Es war ein kurzer Spaziergang durch ein kleines Wäldchen und über eine süße Brücke, und dann standen wir schon vor dem Wasserfall. Als wäre das nicht schon schön genug, brachen genau in diesem Moment die Wolken auf und ein Sonnenstrahl beleuchtete den Wasserstaub, in dem sich ein zweiter Regenbogen bildete. Wirklich ein magischer Moment.
Aber das war uns nicht genug. Wenn wir schon unterwegs waren und keine schweren Rucksäcke tragen mussten, wollten wir auch noch ein bisschen mehr wandern. Also suchten wir uns eine Komoot-Route heraus, die uns vom Wasserfall aus steil bergauf führte. Der Weg verwandelte sich durch die Regenmengen der letzten Nacht in einen kleinen Bach, aber es war trotzdem wunderschön. Oben angekommen, stießen wir auf ein altes, verfallenes Gebäude, bei dem wir uns vorstellten, wie wir es zu einer schönen Wandervilla umbauen würden – in einem anderen Leben vielleicht! Später erfuhren wir, dass das Gebäude zum schottischen Militär gehört, das es für Übungen in den Highlands nutzt.
Der Rückweg führte uns tatsächlich auf einen Teil des West Highland Ways, den wir am nächsten Tag bewältigen würden. Gerade konnten wir diesen entspannt bergab gehen, am nächsten Tag jedoch würde uns der steile Aufstieg erwarten. Der Ausblick vor am Abstieg ins Tal auf den Loch Leven war atemberaubend, und der „Schummeltag“ hat sich definitiv gelohnt.
Zeltchaos mit Windböe und Pubgeschichten
Zurück am Campingplatz war der Regen inzwischen wieder in vollem Gange. Die Dame am Empfang sagte, wir könnten unser Zelt überall aufstellen, aber am besten am Rand des Geländes. Wir warteten einen Moment ab, in dem der Regen nachließ, und machten uns an den Aufbau. Aber kaum hatten wir das Zelt fast fertig, kam eine gigantische Windböe, die unser Zelt wie einen Tumbleweed über den Platz rollen ließ. „Isa, halt das Zelt fest!“ schrie Papa, und wir rannten beide lachend hinterher. Nach 15 Metern erwischte ich es endlich – ich wünschte, jemand hätte das gefilmt!
Am Ende schafften wir es doch, das Zelt ordentlich zu befestigen, und machten es uns für den Abend gemütlich. Mit Snickers und Schokokeksen ausgestattet die wir im lokalen Supermarkt für unseren letzten Wandertag gekauft haben, gingen wir noch ins lokale Pub, um den Tag ausklingen zu lassen. Das Pub war warm und gemütlich, und wir fanden einen Platz in einem roten Ledersofa. Es dauerte nicht lange, bis ein leicht beschwipster, etwa 70-jähriger Schotte mich vollquatschte – erstaunlicherweise verstand ich ihn sogar recht gut! Wer mich kennt, weiß, dass ich eine richtige Quasselstrippe sein kann. Diesmal war es allerdings anders. Ich habe fast kein Wort in der Konversation unterbringen können. Anstatt also zu reden, hörte ich mir 25 Minuten lang die Lebensgeschichte eines älteren Schotten und seinen letzten Angelausflug an. Am Ende erzählte er mir, dass seine Kinder nicht mehr oft vorbeikämen und er deshalb mehrmals die Woche ins Pub gehe, um sich mit anderen Menschen zu unterhalten. Vor allem unterhielt er sich gerne mit den Wanderern auch wenn viele kein Wort von dem verstanden was er sagte 😂😂
Regen, Gespräche – und trockene Hoffnung
Während unseres Gesprächs betrat Storchenbein und seine Frau den Pub, auf der Suche nach einem Tisch fürs Abendessen. Da alle Tische besetzt waren, aber gegenüber von Papa und mir noch zwei Plätze frei waren, luden wir die beiden ein, sich zu uns zu setzen. Ich hörte weiter dem Schotten zu, während Papa sich mit dem Berliner Paar unterhielt. Irgendwann verabschiedete sich der Schotte, und ich wandte mich dem Tischgespräch zu.
Das Paar erzählte uns, dass die Wanderung auf dem West Highland Way die erste Hälfte ihres Schottland-Urlaubs war. Wir unterhielten uns über die Leute, die wir unterwegs getroffen hatten, und die Tagesetappe, die sie absolviert hatten. Sie berichteten, dass es ziemlich anstrengend war – auf dem Gipfel hatte es sogar gehagelt, und nach einer Stunde waren sie komplett durchnässt. Auf dem Campingplatz hatten wir schon einige Leute gesehen, bei denen sogar die Schlafsäcke nass geworden waren.
Außerdem erfuhren wir, dass in der Nacht zuvor auf dem Ski-Resort ein Zelt vom Wind komplett zerstört wurde. Das deutsche Paar entschied sich daher, die letzte Etappe mit dem Bus zu fahren, da ihre Sachen ebenfalls fast alle durchweicht waren. Auch unsere Wanderung hatte uns gut durchnässt – Papa hatte nasse Socken, und meine Regenjacke konnte man fast auswringen.
Nach dem Abendessen hängten wir alle Klamotten, die wir in der Nacht nicht brauchten, sowie unsere Schuhe in den Trockenraum und hofften, dass am nächsten Tag alles trocken sein würde.
Wie wir es ins Ziel geschafft haben und wie unser letzter Wandertag verlief, erfahrt ihr im nächsten Bericht!
Fazit Stephan
Gut dass wir uns nicht wegwehen lassen haben und stattdessen den wunderschönen Wasserfall gesehen haben und eine „schuhnasse“ Ersatzwanderung in den Höhen von Kinlochleven mit Superausblick auf Loch Leven gemacht haben. Gute Entscheidung und gut, dass der Trockenraum halbwegs funktioniert hat.