West Highland Way – Tag 7: Der schönste Wandertag mit den beschissensten Neuigkeiten oder der Tag wo das Wetter zu meiner Stimmung passte

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Etappeninfo

Herzlich willkommen zum siebten Eintrag meines Reisejournals auf dem West Highland Way!

Diese Fernwanderung habe ich gemeinsam mit meinem Vater Stephan unternommen – daher schreibe ich im Journal meist in der Wir Form. Begleite uns auf unserem Weg durch die raue und wunderschöne Landschaft Schottlands, von den sanften Hügeln bis zu den wilden Highlands.

Abschied vom Wildcamping – und erste Mückenplage

Unsere Wildcamp-Nacht verlief erstaunlich gut. Papa und ich haben, abgesehen von den nächtlichen Tier-Serenaden, ziemlich gut geschlafen. Der Wecker klingelte, wie immer, um 6:30 Uhr und das ist ein ziemlich schräger Ton, wenn man mitten in der Natur zu diesem Maschinen erzeugten Ton aufwacht, kann ich euch sagen.

Alles wieder in den Rucksack zu packen, auf diesen wenigen Quadratmetern Zeltboden, ist eine Kunst für sich. Und in Papas Fall musste natürlich auch noch genug Platz bleiben, um das Zelt als Letztes abzubauen. Während wir noch im Abbauprozess steckten, spazierten schon die ersten Wanderer an uns vorbei.

Dann kamen sie: die Midges – schottische Mücken, so groß wie Fruchtfliegen, aber mit der Angriffslust eines Rudels Wölfe. Wir entschieden uns zum ersten Mal, unsere Mückennetze aufzusetzen. Ich schwöre, bei der Ansicht muss man sich kaputtlachen! Was wir aber nicht gemacht haben, weil wir die Situation nicht ernst genug genommen haben: den Rest unserer Körper mit dem extra gekauften Mückenspray einzusprühen. Unsere Arme haben das später bitter bereut. Das Spray haben wir also weiter umsonst durch ganz Schottland geschleppt.

Mystische Stille in den Highlands

Nach einer Katzenwäsche und dem Zähneputzen ging es direkt los – ohne Frühstück. Denn ich habe herausgefunden, dass es sich für mich besser anfühlt, erst ein bisschen zu wandern und dann die erste Pause zu machen. Papa war glaube ich wenig begeistert, aber ich habe ihn überredet.

Der Weg führte uns über eine alte Militärstraße, zwischen kleinen Wäldchen hindurch, immer leicht bergauf. Und dann – plötzlich – standen wir mitten in den Highlands. Keine Straßen, keine Züge, keine Menschen außer uns und den anderen Wanderern. Absolute Stille, leicht diesiges Wetter, eine mystische Atmosphäre, genau so, wie man sich Schottland vorstellt.

Es war, als ob die Zeit hier einen Moment innehalten würde. Die Luft war frisch, kühl und roch nach feuchtem Moos und Erde. Jeder Schritt, den wir taten, schien von der Stille absorbiert zu werden, als ob die Landschaft selbst das Geräusch des Wanderns verschluckte. Der Blick auf die weiten, grünen Hügel, die in das Nebelgrau übergingen, ließ uns fühlen, als ob wir in eine andere Welt eingetreten wären – eine Welt, die sich von allem Bekannten losgelöst hatte. Die Einsamkeit dieser unberührten Natur ließ eine tiefe Ehrfurcht in uns aufsteigen. Es war der Moment, in dem man die Bedeutung von Ruhe und Abgeschiedenheit wirklich zu schätzen wusste – ein Gefühl der Vollkommenheit und des Einsseins mit der Umgebung.

Wetterumschwung und verpasster Gedenkstein

Zum ersten Mal mussten wir jedoch auch die dicken Jacken rausholen. Der Wind in den Highlands hatte definitiv keine warme Brise im Gepäck, und ab und zu fiel auch ein bisschen Regen. Die Bilder können diese Stimmung aber einfach nicht wiedergeben.

Unser Zwischenziel war ein Gedenkstein für einen Peter Flemming – der höchste Punkt unserer recht kurzen Tageswanderung. Doch wir haben den Stein nie gefunden. Stattdessen verließen wir uns auf die Höhenmessung von Papas Apple Watch und suchten uns zwei schöne Steine mit Aussicht für eine Pause. Schlechter hätten wir die zehn Minuten für die Pause nicht wählen können, denn genau in diesem Moment begann es zu stürmen und zu regnen.

Mit Regenjacke und Fleece wandert es sich gut – bis man anfängt zu schwitzen. Sobald man dann den Rucksack absetzt und pausiert, wird’s eiskalt. Unsere Pause war also nicht sonderlich erholsam, und hätten wir sie zehn Minuten früher oder später gemacht, wäre die Sonne wieder da gewesen. Vielleicht ein Vorbote der schlechten Nachrichten, die uns kurz darauf erreichen sollten.

Ein trauriger Anruf und ein stiller Nachmittag

Von diesem Punkt aus konnten wir das Tal schon sehen, unser heutiges Ziel: Ein Hotel an einer Schnellstraße, das vor ein paar Jahren renoviert wurde. Da es bei der Buchung schon ausgebucht war, kamen wir in einem nahegelegenen Skigebiet unter. Der Weg dorthin ging bergab und wir waren schnell da.

Zu unserer Überraschung lief sogar der Sessellift! Papa hätte wohl gerne eine Runde gedreht, aber meine Höhenangst sagte klar: Nein, danke! Meine oberste Priorität? Schuhe ausziehen!

Das Skigebiet hatte ein kleines, sehr gemütliches Café und um die zwanzig Hobbit-Hütten, in einer davon würden wir schlafen. Da wir aber erst um 15 Uhr einchecken konnten, setzten wir uns vor das Café und genossen die Aussicht. Um uns herum hüpfte ein kleines, süßes Rotkehlchen – es kam sogar ziemlich nah. Gerade als wir uns entspannt zurücklehnten, klingelte Papas Handy: Mama rief an. Meine geliebte Oma Paula – von uns allen liebevoll Polly genannt – ist heute Mittag nach einem langen und tapferen Kampf gegen ihre Lungenentzündung im Krankenhaus verstorben. Auch wenn sie 84 Jahre alt geworden ist und damit ein stolzes Alter erreicht hat, ist der Verlust für uns alle unendlich schmerzhaft.

In den letzten Tagen war unklar, wie schnell oder wie langsam dieser letzte Weg für Oma verlaufen würde. Aber sie hat immer wieder zu uns allen gesagt, dass wir unsere Reise beenden sollen – egal, was passiert. Und ich bin mir sicher, dass sie auch wollen würde, dass ich diese Berichte weiterschreibe, denn sie haben ihr in den vergangenen Tagen viel Freude bereitet. Noch gestern Nacht hat sie zu meiner Schwester gesagt, dass sie selbst wohl nicht gern nach Schottland reisen würde – wegen der vielen Tiere, die hier überall unterwegs sind.

Trotzdem war es natürlich ein Schock. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde. Der Rest des Tages war natürlich Mist. Der Himmel zog sich zu, es regnete und stürmte – als würde das Wetter genau das widerspiegeln, was wir fühlten. Am liebsten hätte ich im Regen gesessen, weil das einfach passte, aber letztlich gingen wir ins Café, tranken heiße Getränke und Papa gönnte sich ein Stück Kuchen. Wir sprachen viel über Oma, über die schönen und lustigen Momente mit ihr. Ich durchstöberte mein Handy nach Fotos, auf denen sie von der Gesichtserkennung erkannt wurde. Da waren ein paar echte Treffer dabei, bei denen wir lachen mussten.

Hobbit-Hütte, heißer Tee und leiser Trost

Um drei bezogen wir unsere kleine Hobbit-Höhle. In der Theorie passen da vier Leute rein, aber mit uns und den Rucksäcken war es schon recht kuschelig. Ein Luxus: Es gab eine Heizung, einen Wasserkocher und – das Highlight – eigene Steckdosen! Ein Traum!

Wir machten es uns also gemütlich in der Hobbit-Hütte und ich begann, die richtigen Worte für diesen Beitrag zu finden – was gar nicht so einfach ist, wie man vielleicht denkt. Denn das Schreiben eines Reiseberichts erfordert viel Zeit und geistige Energie, die man am Ende eines langen Wandertages nicht immer übrig hat. Trotzdem ist es unglaublich schön, später auf diese Berichte zurückzublicken und all die Erlebnisse noch einmal Revue passieren zu lassen.

Zum Abendessen gingen wir um 17:30 Uhr ins Café, das rappelvoll war. Wir ergatterten gerade noch so zwei Plätze am Ende einer langen Tafel. Das Essen war nur okay, aber dafür konnte man so viel Mayo und Ketchup essen, wie man wollte – man muss die kleinen Freuden feiern!

Nach dem Essen gingen wir nacheinander duschen – fünf Minuten warmes Wasser für nur ein Pfund, was will man mehr? Es gab auch richtig gute Trockenräume, in denen wir unsere gewaschenen Klamotten über Nacht trocknen lassen konnten.

Als ich zurück in unsere Hobbit-Höhle kam, war Papa schon fast am Schnarchen. So eine Reise zehrt halt an den Kräften. Die Wettervorhersage für die Nacht versprach Regen und Wind, und wir waren gespannt, wie unsere Hütte das aushalten würde. Aber das erfahrt ihr dann im nächsten Beitrag.

Fazit Stephan

Erster Tag an dem der Himmel anfängt zu weinen und unsere Regenkleidung zum Einsatz kommt. Das passt leider zur traurigen Nachricht.

P.S.: Was man zu schätzen lernt auf einer Fernwanderung?

Wir reisen mit leichtem Gepäck und überlegen uns dreimal, was wir mitnehmen und was nicht. Minimalmengen an Hygieneartikeln in einem Zip-beutel, eine Mini Rei-Waschmitteltube und möglichst wenig Kleidungsstücke, und doch so viel, dass man Wind und Regen trotzen kann und auch nicht frieren muss. All das will getragen werden, genauso wie die Übernachtungsmöglichkeit, die wir in drei Nächten nutzen: Zelt, Isomatten, Thermounterlage und Schlafsäcke.

Und dann liegt man in diesem Minimal-Häuschen im Schlafsack auf einer mit Kunstleder bezogenen Pritsche von 70cm Breite und hört den Regen auf das Dach prasseln und denkt an sein bequemes, warmes Bett zuhause mit großer, kuscheliger Zudecke und Platz zum Umdrehen. Eine warme Dusche, bei der man nicht durch Münzeinwurf auf 5 Minuten begrenzt ist. Und zum Frühstück einen leckeren Kaffee oder Tee mit einem knusprigen Brötchen… Gut, einen Kocher hätte man auch noch mitnehmen können (weiteres Gewicht), und in den Bunkhouses und auf den Campingplätzen gab es auch Wasserkocher, aber um ein schönes Brötchen zu bekommen, hätte man noch einen Backautomaten mitnehmen müssen. Stimmt nicht, im Ski-Resort gab es Sauerteigbrötchen, die nicht nur gut aussahen, sondern auch wirklich gut geschmeckt haben. Wahrscheinlich fragen sich nur die Deutschen, wie man mit den sonst im Supermarkt erhältlichen Weißbrotpappen oder Weißbrotsandwiches durchs Leben kommen kann.

Was könnte man noch vermissen? Eine Steckdose zum Beispiel: Ja, auch ein Handy möchte geladen werden, und da ist es suboptimal, wenn man zwei Steckdosen mit einem Wasserkocher, einem Toaster und zwanzig anderen Menschen teilen muss, die auch gerne Laden möchten.

Fast überall gab es Trockenräume, eine wirklich klasse Service, der auch wirklich erforderlich ist, denn selbst bei bestem Wetter dringt aus jeder Pore Schottlands Wasser und das entdeckt sehr häufig, dass der Wanderweg sich bestens als Bachlauf eignet.

Und dann fragt man sich, wann eigentlich der Einhebelmischer erfunden wurde? Die Antwort lautet übrigens in den 1940er Jahren von Alfred M. Moen in den USA, ab 1947 waren sie dann im Handel. Warum gibt es dann immer noch Waschbecken mit einem Warm- und einem Kaltwasserhahn?!? Und bei welcher Gelegenheit nutzt man welchen? Oder soll man sich Wasser einlaufen lassen? Und wenn ja, wie ohne Stöpsel? Manche Fragen müssen wohl unbeantwortet bleiben.

Mal ein paar Tage auf die Annehmlichkeiten des Lebens zu verzichten, erdet sehr gut und lässt uns wieder den Komfort des Alltags schätzen.:-)