Etappeninfo
- 8.09.2024
- Tyndrum → Bridge of Orchy → Victoria Bridge
- Schritte: 34.012
- 25,4 km
Herzlich willkommen zum zweiten Eintrag meines Reisejournals auf dem West Highland Way!
Diese Fernwanderung habe ich gemeinsam mit meinem Vater Stephan unternommen – daher schreibe ich im Journal meist in der Wir Form. Begleite uns auf unserem Weg durch die raue und wunderschöne Landschaft Schottlands, von den sanften Hügeln bis zu den wilden Highlands.
Erholsame Nacht und erste Schritte des Tages
Unsere Nacht in der kleinen Hütte in Tyndrum war super erholsam, vor allem für unsere Füße. Obwohl weder Papa noch ich uns Blasen gelaufen haben, merke ich, dass ich noch dabei bin, meine neuen Wanderschuhe einzulaufen – die sind noch nicht butterweich wie meine alten. Und trotzdem muss ich nochmal sagen, dass Meindl einfach die besten Wahl für Wanderschuhe ist (die ist keine bezahlte Partnerschaft, zumindest noch nicht ;))
Der Tag begann dieses Mal nicht mit dem krassesten Sonnenschein, an den wir uns die letzten Tage so schön gewöhnt hatten. Stattdessen: wolkenverhangener Himmel und eine frische Brise. Schottisches Wetter in seiner natürlichen Form, würde ich sagen.
Zwischen Straßenlärm und Naturidylle
Die erste Etappe führte uns durch das Tal der schottischen Highlands, entlang der Eisenbahn und einer Autobahn. Klingt vielleicht nicht so spektakulär, war aber entspannt für den Körper. Trotzdem: Mit den beeindruckenden Abschnitten zuvor konnte dieser Teil nicht ganz mithalten. Am höchsten Punkt der ersten Etappe hielten wir an für ein Frühstück – und eine fröhliche Suche nach dem Sonnenschein. Jedes Mal, wenn wir ein bisschen blauen Himmel sahen, freuten wir uns wie kleine Kinder an Weihnachten.
Sobald der Weg von der Straße wegführte, war es wieder eine ganz andere Welt. Wir liefen an einem Bach entlang und passierten das eine oder andere malerische Cottage. Die Highlands zeigten sich langsam wieder in ihrer vollen Pracht, und das Wandern machte so richtig Spaß.
Bridge of Orchy und der Anstieg zum Loch Tulla
Unser erstes Ziel, die Bridge of Orchy, erreichten wir gefühlt im Handumdrehen. An einem Hotel (ja, das „Dorf“ besteht gefühlt wirklich nur aus diesem Hotel und vielleicht 20 weiteren Gebäuden – aber wartet ab, es wird noch „dörflicher“ ) füllten wir unsere Wasserflaschen auf und holten uns unseren West Highland Way-Stempel ab (dazu erzähle ich später mehr). Wir genossen die Sonne auf der Brücke und machten ein paar Fotos, bevor es mit dem nächsten großen Anstieg losging. Ein Fahrradwanderer grinste uns an und fragte, ob wir für den 500-Fuß-Anstieg bereit seien. Klar doch, nach den letzten Tagen sind wir ja fast schon Wanderprofis! 😎
Die ersten paar hundert Meter gingen noch durch ein Wäldchen mit Heidekraut am Wegesrand, aber dann kamen wir in ein Gebiet, das abgeholzt war (vielleicht war hier ja auch der Borkenkäfer unterwegs?). Der Vorteil: Wir hatten eine wunderschöne Aussicht, und sogar ein leuchtender Schmetterling flatterte uns entgegen.
Der Aufstieg war mit dem schweren Gepäck zwar mühsam, und ich hielt uns tempo-technisch auch etwas auf (hust hust), aber hey – jeder läuft den West Highland Way in seinem eigenen Tempo, oder? Eine Gruppe junger Dänen überholte uns mit vollem Schwung und schwerem Gepäck.
Oben angekommen, wurden wir mit einem atemberaubenden Blick auf das Loch Tulla belohnt. Die Sonne zeigte sich endlich wieder, und wir genossen unser Mittagessen mit grandiosem Ausblick. Hier trafen wir auch m auf „Mr. You Name It, I Did It“ aus unserem letzten Bericht – der Typ, der einfach schon alles erlebt hat.
Ankunft in Inveroran: Klein, teuer, charmant
Da der letzte Laden schon einige Etappen zurücklag und wir noch kein Abendessen hatten, sputeten wir uns ins Tal nach Inveroran. „Dorf“ ist hier übrigens echt eine Übertreibung: Es ist eigentlich nur eine Straße mit einem Hotel und drei weiteren Häuschen. Im Wee Shop (kleiner Laden) holten wir uns ein paar Getränke, belegte „Pappe“ (auch als Sandwiches bekannt) und zwei Bananen – den Preis dafür wollt ihr wirklich nicht wissen!
Inveroran ist ein abgelegenes Ziel in den schottischen Highlands, das Wanderer des West Highland Way besonders schätzen. Das kleine Dorf liegt etwa 99 km nördlich von Milngavie und ist bekannt für das historische Inveroran Hotel, ein ehemaliges 19. Jahrhundert Gasthaus für Viehtreiber, das heute als gemütliche Unterkunft mit modernem Komfort dient. Die Umgebung bietet beeindruckende Ausblicke auf Loch Tulla und die Black Mount-Berge, die besonders bei Wanderern beliebt sind. Die Abgeschiedenheit des Ortes macht ihn zu einem idealen Rückzugsort für Reisende, die die Ruhe der Highlands genießen möchten.
Zelten unter Nadelbäumen – und nächtliche Geräusche
Da das Inveroran Hotel schon ein Jahr im Voraus ausgebucht war und es weit und breit keinen Campingplatz gab, blieb uns nichts anderes übrig, als wild zu campen. Online hatten wir gelesen, dass man nahe des Parkplatzes an der Victoria Bridge gut campen kann. Dort fanden wir auch einen recht ebenen Platz in einem kleinen Wäldchen voller Nadelbäume.
Das Zelt war schnell aufgebaut (Wanderschuhe gegen Crocs getauscht, wie immer), und wir richteten uns häuslich ein. Auch von unserem Zelt aus hatten wir einen schönen Blick auf das Loch Tulla. Da es erst 16:30 Uhr war, entspannten wir uns noch ein wenig im Zelt und versuchten, uns gegenseitig vom Einschlafen abzuhalten.
Zum Abendessen gab’s unsere Sandwiches, die besser schmeckten als erwartet und die Getränke. Da es recht windig wurde, verbrachten wir den Rest des Abends in unseren Schlafsäcken und gingen früh schlafen.
Nachts wurden Papa und ich plötzlich von einem seltsamen Geräusch geweckt – ein schrilles, zweittöniges Schreien. Wir sind uns nicht sicher, was es war, aber vermutlich ein nachtaktiver Vogel. Der Gedanke, dass es etwas mit Flügeln war, war jedenfalls beruhigender, als an etwas Vierbeiniges zu denken, das sich in der Nähe herumtreibt. Nach dem kurzen Schrecken schliefen wir schnell wieder ein. Wandern macht halt einfach müde.
Wie wir am nächsten Tag aufwachten und was uns dann noch erwartete, erfahrt ihr im nächsten Bericht!
Fazit von Stephan
Wenn das Wetter hier immer so gut wäre, dann würde ich mich sofort als Gärtner im Anwesen Black Mount am Loch Tulla bewerben.
P.S: Update zu den Konditionsleveln
Wir denken also wir laufen diesen Weg auf einem Medium Level?!
Was sollen eigentlich die lästigen Übernachtungsstops, wenn man die 154km Strecke von Milngavie nach Fort William auch am Stück machen kann?
2017 stellte Rob Sinclair mit 13:41:08 Stunden den aktuellen Streckenrekord auf. Die weibliche Rekordhalterin ist seit 2007 Lucy Colquhoun (17:16:20 h).
Zurück zu den Realitäten: man kann die Strecke wirklich auf die unterschiedlichsten Weisen angehen.
Full Service
Du gehst mit kleinem Gepäck, hast 10 Wandertage, übernachtest in Hotels mit Dusche, eigener Keramik und einem warmen Bett und lässt dir den dicken Koffer von einem Hotel zum Nächsten schippern.
Nach unserem Eindruck nehmen den Gepäckservice hier locker 75% der Wanderer in Anspruch.
Minimalistisch
Du gehst mit mittlerem Gepäck: kleinste Dackelgarage, nicht viel Wechselwäsche und auch sonst nur das Notwendigste. Deine Campingspots sind gebucht und du machst den Spaß in 5 Tagen, so wie Mulan.
Und Alles dazwischen
Und dazwischen gibt es einfach jede denkbare Variante, unterschiedliche Anzahl von Wandertagen, Übernachtungen von Hotel, B&B, Bunkhouse, Hostel, Camping platz bis hin zu wild in der Natur gezeltet.
Ja, wir sind nicht die überkonditionierten Supersportler, aber wir haben unser Gepäck tapfer mit uns rumgetragen – immerhin so um die 16kg- und haben auch die ein oder andere Doppeletappe hingelegt, eine wild Camping Nacht war auch dabei.
Für uns ist das Medium Level.
Es gibt keine „richtige“ oder „falsche“ Art, den West Highland Way zu erleben. Ob du nun dein Gepäck von Hotel zu Hotel schicken lässt oder die gesamte Strecke mit deinem Rucksack bewältigst – es nimmt nichts von der Schönheit dieser Reise weg. Jeder hat seinen eigenen Stil, und der Weg lässt sich auf viele unterschiedliche Arten begehen. Ob du den klassischen „Full-Service“-Ansatz wählst, minimalistisch unterwegs bist oder dich für eine Mischung aus allem entscheidest – der West Highland Way bietet für alle Wanderer das Richtige. Und am Ende zählt nur eines: die unvergesslichen Eindrücke und die unberührte Natur der schottischen Highlands.