West Highland Way – Tag 4: Ranger Mick und eine Bootsfahrt über den Loch Lemond

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Etappeninfo

Herzlich willkommen zum vierten Eintrag meines Reisejournals auf dem West Highland Way!

Diese Fernwanderung habe ich gemeinsam mit meinem Vater Stephan unternommen – daher schreibe ich im Journal meist in der Wir Form. Begleite uns auf unserem Weg durch die raue und wunderschöne Landschaft Schottlands, von den sanften Hügeln bis zu den wilden Highlands.

Ein bisschen Schummeln darf sein

Wie ihr im letzten Beitrag schon gelesen habt, war der Tag vorgestern ein echter Brocken. Wir haben ihn zwar gut gemeistert, aber er hat uns auch richtig viel Kraft gekostet. Und da der heutige Abschnitt ähnlich lang und fordernd gewesen wäre, wie der Tag gestern, haben wir beschlossen, einen kleinen Umweg zu machen – mit einer Mischung aus Schiff und Busfahrt.

Ja, wir wandern den West Highland Way, aber am Ende ist das hier auch unser Urlaub. Und um die Freude an der Tour nicht zu verlieren, haben wir uns ganz bewusst für diese kleine Pause entschieden – damit wir den Rest des Weges mit frischer Energie und echtem Elan genießen können.

Ausschlafen und ein entspannter Start

Deshalb hatten wir uns schon am Abend zuvor dafür entschieden, am nächsten Morgen auszuschlafen und den Tag ganz in Ruhe zu starten – und das tat richtig gut. Die offizielle Check-out-Zeit war zwar um 10 Uhr, aber schon gegen 9:30 kam ein freundlicher Ranger namens Mick in die Küche und fragte gut gelaunt, ob bei uns alles in Ordnung sei.

Das Bunkhouse war zu diesem Zeitpunkt schon komplett leer – die anderen Wandernden waren bereits um 7:45 aufgebrochen, um die bevorstehende, besonders lange und anspruchsvolle Etappe früh anzugehen. Dass um diese Uhrzeit noch jemand anwesend war, war also eher ungewöhnlich.

Ranger Mick und das Herz für Natur

Das Bunkhouse gehörte zu einem größeren Netzwerk, das nicht nur Übernachtungsmöglichkeiten bereitstellt, sondern auch Ranger beschäftigt, die sich liebevoll um die umliegende Natur und die Pflege der Wanderwege kümmern. Einer von ihnen war eben dieser Mick – ein etwa 55-jähriger, gut gelaunter Mann mit viel Sinn für Humor und mindestens genauso viel Freude am Erzählen.

Er fragte uns nach unseren Plänen und plauderte dann begeistert über die Natur rund um das Bunkhouse: über verschiedene Vogelarten, über Hirsche und Rehe, die – je nach Jahreszeit und Besucherandrang – mal näher ans Haus herankommen und mal weiter in den Wald zurückweichen. Man spürte sofort, wie sehr er diesen Ort liebt und wie gerne er sein Wissen teilt.

Wir fragten Mick, ob wir unsere Sachen noch ein wenig im Bunkhouse lassen dürften, da unsere Weiterreise erst um 16:45 Uhr starten würde. Er meinte, das sei überhaupt kein Problem – wir sollten nur Bescheid geben, falls die Reinigungskraft auftauchen sollte.

„Die ist selbst an ihren besten Tagen nicht gerade ein Sonnenschein“, sagte er grinsend. „Aber wenn sie meckert, richtet ihr ihr einfach aus, dass Ranger Mick persönlich das erlaubt hat.“

Der grummelige Mensch und der strahlende Hund

Außerdem empfahl er uns, den „Historical Path“ zu erkunden, der direkt hinter dem Haus begann, sowie den kleinen Strandabschnitt in der Nähe des Bunkhouses – beides lohne sich auf jeden Fall für einen kurzen Spaziergang.

Bevor wir allerdings zu unserem kleinen Spaziergang aufbrechen konnten, kam uns tatsächlich die Putzfrau entgegen. Ein richtiges Grüßen blieb aus, und als wir das Gespräch suchten, reagierte sie kaum. Ich gebe mir ja wirklich Mühe, alle mit meinem Optimismus und meiner Freundlichkeit anzustecken – aber bei ihr wäre das wohl verschwendeter Hopfen und Malz gewesen.

Ihr Hund hingegen war das komplette Gegenteil: eine wahre Frohnatur, wahrscheinlich der sonnigste Vierbeiner, der mir je begegnet ist. Er kam schwanzwedelnd auf uns zu, wollte gestreichelt werden und schenkte uns ein strahlendes Hundelächeln, dem man einfach nicht widerstehen konnte. Immerhin – er schaffte es, seiner Besitzerin ein kleines Lächeln zu entlocken.

Ein bisschen Geschichte, ein bisschen See

Wir machten uns bereit, um der Putzfrau aus dem Weg zu gehen und die von Ranger Mick vorgeschlagenen Aktivitäten in Angriff zu nehmen.

Der kleine Historical Path zeigte, wie die Menschen hier um das Jahr 1700 gelebt haben könnten. Tafeln wiesen auf Fundstellen und Überreste früherer Besiedlung hin – ein kurzer, aber interessanter Einblick in die Vergangenheit.

Die Aussicht auf den Loch Lomond war aus dieser Perspektive besonders schön, und so fühlte es sich gut an, trotz unseres kleinen „Schummel-Tages“ zumindest ein bisschen Bewegung zu haben.

Auch der Strand in der Nähe war wirklich idyllisch. Wir saßen einfach da, genossen die Sonne und das strahlend blaue Wasser. Sogar ein Fischreiher ließ sich blicken – ganz ruhig und elegant, als würde er selbst den Moment genießen.

Abschied von Rowardennan per Boot

Zurück im Bunkhouse kochten wir die Nudeln, die wir am Tag zuvor gekauft hatten, und räumten unsere Rucksäcke noch einmal ein wenig um. Gegen 15:45 machten wir uns dann auf den Weg zum Wasserbus, der direkt vor der im Ort gelegenen Jugendherberge ablegte.

Wir ließen uns noch ein wenig auf der Wiese nieder, genossen ein letztes Mal die wunderschöne Aussicht und entspannten einfach.

Wir waren übrigens nicht die einzigen Wanderer, die sich für diesen alternativen Weg entschieden hatten. Nach und nach tauchten immer mehr auf, und am Ende standen wir zu zwölft am Steg.

Als das Boot anlegte, brach plötzlich ein kleines Stück des Stegs ab – passiert ist glücklicherweise nichts, aber Papa wollte ihn gerade betreten.

Dann begann eine etwa 45-minütige, wunderschöne und entspannte Bootsfahrt. Gemächlich tuckerten wir über den Loch Lomond, ließen die Landschaft an uns vorbeiziehen und konnten alles ganz in Ruhe genießen – ein richtig friedlicher Moment und das bei strahlend blauem Himmel und Sonnenschein.

Mit dem Bus ins nächste Abenteuer

Da das Wassertaxi leider nicht bis Inverarnan fuhr, unserem Ziel für diesen Tag, sondern nur bis Tarbet auf der gegenüberliegenden Seite des Lochs, mussten wir anschließend noch den Bus nehmen. Der Busfahrer war – neben der berühmt-berüchtigten Putzfrau – die zweite und letzte schottische Person, die nicht gerade durch Herzlichkeit auffiel.

Er wäre nämlich fast an uns vorbeigefahren, weil niemand von uns rechtzeitig den Arm zum Halten gehoben hatte. Wer von euch also in einen Bus in Schottland einsteigen möchte, der muss vorher den Arm ausstrecken und den Daumen raushalten, das typische Anhaltersymbol. Wieder was gelernt!

Während Papa entspannt die Augen schloss – natürlich noch komplett wach, ihr kennt das ja bestimmt von euren Eltern – saß ich da, hörte den anderen Wanderern zu und starrte gedankenverloren in die Landschaft.

Kleine Unterschiede – große Erkenntnisse

Ich habe mir angewöhnt, in fremden Ländern die kleinen, alltäglichen Dinge mit denen daheim zu vergleichen – egal, ob es der Supermarkt ist oder die Art, wie man Bus oder Bahn fährt. Und genau deshalb fiel mir auch sofort auf, dass das Handhochhalten hier beim Busanhalten nötig ist – genauso wie in Italien oder England (eigentlich hätte ich das also wirklich wissen müssen).

Auch so Kleinigkeiten wie Ticketpreise, Bezahlmöglichkeiten oder die Anzeige der Haltestellen finde ich immer spannend. Denn manchmal stecken die wirklich interessanten Geschichten ja nicht in den großen Sehenswürdigkeiten, sondern im ganz normalen Alltag.

Einen riesigen Unterschied zu Deutschland konnte ich dieses Mal allerdings nicht ausmachen – zumindest nicht auf dieser kleinen Busreise durch Schottland.

Ankunft in Inverarnan – Zelt statt Zimmer

Der Bus führte uns in unsere Zielstadt Inverarnan: Inverarnan ist eigentlich nicht mehr als ein winziger Fleck auf der Karte – aber genau das macht seinen Charme aus. Mitten im Grünen gelegen, besteht der Ort gefühlt aus ein paar Häusern, viel Natur und dem legendären Drovers Inn, einem uralten Pub, der aussieht, als wäre er direkt aus einem Schottland-Film gefallen. Perfekt, um nach einem langen Wandertag die Beine hochzulegen und ein bisschen echtes Highland-Feeling zu tanken.

Nach der Busfahrt und der letzten kurzen Strecke von etwa 500 Metern erreichten wir schließlich unsere Übernachtungsmöglichkeit. Der Glas-Campingplatz war zwar schön gelegen, hatte aber ziemlich dreckige Waschräume. Dafür gab es ein kleines Lokal namens „Stagger Inn“, in dem Papa und ich uns nach diesem “anstrengenden” Tag erstmal ordentlich stärken mussten.

Unser kleines Zeltreich

Vor dem Essen mussten wir allerdings noch unser Zelt aufbauen. Ja, ihr habt richtig gelesen: Wir schlafen nicht jede Nacht in einem gemütlichen Bett mit festem Dach über dem Kopf. (Wobei „gönnen“ vielleicht das falsche Wort ist – es lag eher daran, dass wir die Reise erst fünf Wochen vorher gebucht haben. 😅)

Also haben wir erstmal unser kleines, aber feines 2,5-Mann-Zelt aufgebaut und es mit Matratzen und Schlafsäcken gemütlich hergerichtet, bevor wir uns endlich ein leckeres Essen gönnten. Danach standen allerdings noch unsere Handys auf der To-do-Liste – schließlich hatten wir (entgegen aller klugen Ratschläge) keine Papierkarten dabei. In der Campingküche gab es allerdings nur zwei Steckdosen, die nicht nur für die Handys, sondern auch für Wasserkocher und Toaster herhalten mussten – und die waren zur Essenszeit natürlich heiß begehrt.

Ein bisschen Chaos, ein bisschen Alltag

Um zehn haben wir uns dann schlafen gelegt. Wie die Nacht war – das hört ihr im nächsten Beitrag.