Etappeninfo
- 4.09.2024
- Milngavie → Drymen
- Schritte: 34.012
- 25,4 km
Herzlich willkommen zum zweiten Eintrag meines Reisejournals auf dem West Highland Way!
Diese Fernwanderung habe ich gemeinsam mit meinem Vater Stephan unternommen – daher schreibe ich im Journal meist in der Wir Form. Begleite uns auf unserem Weg durch die raue und wunderschöne Landschaft Schottlands, von den sanften Hügeln bis zu den wilden Highlands.
Mit Euphorie ins Abenteuer
Kennt ihr das Gefühl, wenn die Vorfreude so groß ist, dass man die bevorstehenden Herausforderungen einfach ausblendet? Genau diese Mischung aus Euphorie und schöngeredeter Realität braucht es, bevor man sich auf ein Abenteuer wie den West Highland Way einlässt.
Ein strahlender Start in Schottland
Was sorgt für einen besonders motivierten Start? Strahlender Sonnenschein! Entgegen der düsteren Prognose vom Vortag begrüßte uns der Morgen mit makellos blauem Himmel – ganz untypisch für das sonst so regnerische Schottland. Als wir das Hotel verließen, war keine einzige Wolke zu sehen, und dennoch konnte man um 8:30 Uhr seinen Atem in der kalten Morgenluft sehen.
Wir hatten uns – in Erwartung von Regen – ziemlich warm und wetterfest eingepackt und machten uns erneut auf den Weg zum Startpunkt: dem bekannten Monolithen im Stadtzentrum von Milngavie. Im Vergleich zum Vortag herrschte hier nun reger Betrieb. Wanderer verschiedensten Alters und aus aller Welt versammelten sich, um sich vor dem ikonischen Stein fotografieren zu lassen – wir natürlich auch. Noch einmal posieren, noch einmal tief durchatmen – und dann konnte es endlich losgehen.
Der Weg beginnt: Wälder, Bäche und Begegnungen
Nach einem letzten Blick zurück auf die Stadt machten wir uns endlich auf den Weg. Der Pfad führte schon nach kurzer Zeit hinaus aus dem Stadtgebiet und hinein in einen kleinen, idyllischen Wald. Im strahlenden Sonnenschein liefen wir unsere ersten Kilometer – begleitet vom Plätschern kleiner Bäche und der frischen, klaren Morgenluft.
Zunächst waren wir dabei nicht allein unterwegs: Vor uns wanderte ein kanadisches Paar, etwa Anfang 60, das wir bald nur noch liebevoll Mr. und Mrs. Speedy nannten – sie entfernten sich nämlich mit jedem Schritt weiter von uns, als wären sie auf der Überholspur unterwegs.
Hinter uns wiederum war eine Vierergruppe aus den USA unterwegs. Mal zogen sie an uns vorbei, mal wir an ihnen – ein kleines Hin und Her. Kaum machte eine Gruppe eine kurze Pause, holte die andere schon wieder auf. Es fühlte sich ein bisschen an wie ein fröhlicher Wanderkonvoi – jeder im eigenen Tempo, aber irgendwie doch gemeinsam unterwegs.
Erste Highlights und Landschaft zum Staunen
Der Weg führte uns entlang des Craigallian Loch, einem kleinen, idyllischen See, an dessen Ufer viele wunderschöne Hütten standen – sehr zur Freude (und ein klein wenig zum Neid) meines Vaters.
Kurz darauf ging es zwischen zwei Wiesen hindurch, auf denen dutzende Schafe grasten. Und dann öffnete sich vor uns zum ersten Mal der Blick auf die hoch aufragenden, typisch schottischen Highlands – ein Anblick, der einfach nur atemberaubend war.
Am Wegesrand entdeckten wir sogar ein kleines Feenhäuschen. Natürlich klopfte Papa direkt an – aber leider hat niemand geöffnet.
Pause statt Whisky – und schwere Rucksäcke
Die erste Etappe bietet die Möglichkeit, einen kleinen Abstecher zur Glengoyne Distillery zu machen. Da wir jedoch weder an einer Whisky-Verkostung noch an Souvenirs interessiert waren, sind wir einfach vorbeigezogen. Betrunken oder mit noch schwererem Gepäck wandert es sich schließlich eher schlecht.
Auch wenn wir beim Packen unserer Rucksäcke möglichst minimalistisch vorgegangen sind, bringen sie – mit Wasser und Proviant – trotzdem rund 16,5 kg auf die Waage. Da muss wirklich nicht noch mehr oben drauf.
Unsere erste richtige Pause gönnten wir uns nach knapp drei Stunden an einem kleinen Picknickplatz in der Nähe eines Cafés. Dort stärkten wir uns – begleitet von ein paar neugierigen Shetlandponys – mit Baguette, Müsliriegeln und einer Nektarine. Und das alles bei strahlendem Sonnenschein, der uns angenehm ins Gesicht schien. Besser hätte man es sich für den ersten Wandertag wirklich nicht wünschen können.
Vertrauen unterwegs und ein gemütliches Ziel
Auf der letzten Etappe unseres Tages stießen wir auf unsere erste „Honesty Box“. Ein kleiner Kühlschrank, aufgestellt von Einheimischen, aus dem man sich Getränke und Snacks nehmen kann – ganz auf Vertrauensbasis. Bezahlt wird einfach in eine Kasse oder per QR-Code. Eine schöne Geste, die zeigt, wie wanderfreundlich die Region ist.
Da Papa und ich aber noch gut ausgestattet waren, haben wir dankend verzichtet – auch wenn die Versuchung bei einem kühlen Drink nicht ganz klein war.
Gegen 14:30 Uhr erreichten wir schließlich unsere Unterkunft: den Drymen Campingplatz, wo wir für die Nacht einen sogenannten „Kacoon“ gemietet hatten – eine kleine Holzhütte mit zwei schmalen Pritschen an den Seiten und etwas Platz in der Mitte für unsere Rucksäcke. Einfach, aber gemütlich – und genau das Richtige nach einem langen Wandertag.
Ein Huhn mit Appetit und ein gelungener Auftakt
Und obwohl wir definitiv reif für ein kleines Nickerchen gewesen wären, entschieden wir uns stattdessen, uns frisch zu machen und noch einmal nach Drymen reinzulaufen. Wir wollten das Örtchen ein wenig erkunden – und vor allem einkaufen.
Drymen ist ein kleines, charmantes Dorf am Rand des Loch Lomond & The Trossachs Nationalparks und ein beliebter Zwischenstopp auf dem West Highland Way. Mit seinen historischen Gebäuden, gemütlichen Pubs und der schönen Umgebung ist es ein perfekter Ort zum Ankommen, Auftanken – und zum ersten Eintauchen in die schottische Atmosphäre.
Den ganzen Tag über hatten wir Glück mit dem Wetter gehabt, doch nun begann es leicht zu nieseln. Zum Glück nichts, was unsere Regenjacken nicht locker weggesteckt hätten.
Nachdem wir wieder auf dem Campingplatz waren, setzten wir uns an einen der Tische und genossen unser wohlverdientes Abendessen: belegte Brötchen, eine Mandarine und ein Muffin.
Irgendwann legte ich meine Hand – mit dem Brötchen darin – kurz auf mein Bein ab. Hätte ich nicht blitzschnell reagiert, wäre mein Abendessen allerdings in den Schnabel eines ziemlich entschlossenen Huhns gewandert, das plötzlich unter dem Tisch auftauchte! Ich habe mich vielleicht erschrocken!
Das Huhn sah übrigens nicht so aus, als würde es auf Diät sein – vermutlich lebt es ganz gut von den herunterfallenden Essensresten ahnungsloser Wanderer.
Die heutige Etappe war ein idealer Einstieg – gut machbar, aber trotzdem landschaftlich schön. Morgen erwartet uns dann die erste richtige Herausforderung mit einem steilen Auf- und Abstieg. Wir sind gespannt, wie wir das mit dem ganzen Gepäck meistern werden.
Fazit Stephan:
Grandioser Auftakt bei bestem Wetter.