West Highland Way – Tag 3: 5 Liter Wasser, die Treppen der Hölle und ein Tag der für Anfänger zu anstrengend war

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Etappeninfo

Herzlich willkommen zum dritten Eintrag meines Reisejournals auf dem West Highland Way!

Diese Fernwanderung habe ich gemeinsam mit meinem Vater Stephan unternommen – daher schreibe ich im Journal meist in der Wir Form. Begleite uns auf unserem Weg durch die raue und wunderschöne Landschaft Schottlands, von den sanften Hügeln bis zu den wilden Highlands.

Ein später Start – und erste Lektionen in Ordnung

Rückblickend hätten wir den Tag wohl lieber etwas früher starten sollen – aber gegen neun aus dem Schlafsack zu kriechen fühlte sich in dem Moment einfach richtig an. Der Morgen begann gemütlich: eine schnelle Katzenwäsche, ein kleines Frühstück, und dann das tägliche Ritual, das uns noch eine Weile begleiten sollte – Packen.

Alle unsere Sachen wurden sorgfältig in Ziplock-Beutel und Drybags verstaut – eine Art kontrolliertes Chaos in Plastiktütenform. Wer noch nie mit dem Rucksack unterwegs war, stellt sich das am besten wie ein tägliches Puzzle vor: Jeden Morgen heißt es, alles wieder zurück an seinen Platz zu stecken, damit man weiß, wo was ist, und im Laufe des Tages nicht unnötig im Gepäck wühlen muss. Dazu kommt die Kür: das Ganze so im Rucksack zu verstauen, dass das Gewicht gleichmäßig verteilt ist – und man im besten Fall an Snacks, Regenjacke oder Karte kommt, ohne den halben Inhalt auf einem Waldweg auszubreiten.

Kurz gesagt: Der Tag startete spät – und mit einer kleinen Lektion in Sachen Ordnung und Organisation.

Wanderstöcke und wilde Brombeeren

Da uns ein Tag mit ordentlich Höhenmetern bevorstand, beschlossen wir, zum ersten Mal unsere Wanderstöcke auszupacken. Und was soll ich sagen – ich glaube, die Dinger haben mir ernsthaft den Allerwertesten gerettet.

Ob steile Anstiege, rutschige Pfade oder felsige Abstiege – mit den Stöcken war alles ein kleines bisschen leichter, stabiler, sicherer. Auch wenn sie unterwegs wahrscheinlich mehr als einmal in Ziegenkötteln oder Kuhfladen gelandet sind: Ich hätte sie an diesem Tag nicht mehr missen wollen.

Los ging es also – erst einmal vorbei an Feldern, gesäumt von wilden Brombeersträuchern zu beiden Seiten. Natürlich konnten wir nicht widerstehen und haben uns hier und da ein paar Beeren stibitzt. Weiter ging’s über eine Kuhweide, dann schlängelte sich der Weg als schmaler Pfad in Richtung Wald – und mit ihm kamen auch die ersten Höhenmeter des Tages.

Die erste Pause – und der erste große Ausblick

Am ersten größeren Rastplatz legten wir direkt eine Pause ein, denn die schottische Sonne hatte uns mal wieder überlistet: viel zu warm angezogen, standen wir da, schweißgebadet, und tauschten erst mal unsere Kleidung gegen leichtere Schichten aus.

Der West Highland Way führte uns durch einige wunderschöne Wälder, und kaum hatten wir genug Höhenmeter hinter uns gebracht, öffnete sich vor uns ein traumhafter Blick auf den Loch Lomond.

Loch Lomond – Schottlands imposanter See

Loch Lomond ist der größte See Schottlands – sowohl in der Länge als auch im Volumen. Er liegt im Loch Lomond & The Trossachs Nationalpark und markiert für viele Wandernde den südlichen Einstieg in die schottischen Highlands. Der See erstreckt sich über etwa 39 Kilometer in Nord-Süd-Richtung und ist an seiner breitesten Stelle rund 8 Kilometer breit.

Mit seinen über 30 Inseln, darunter Inchcailloch und Inchmurrin, bietet der See nicht nur landschaftliche Vielfalt, sondern auch interessante Einblicke in die schottische Geschichte und Geografie.

Der Conic Hill: Schweiß, Aussicht und Stolz

Doch auch dieser Abschnitt sollte sich noch einmal deutlich steigern – denn der bisher größte Anstieg stand uns kurz bevor: der Conic Hill. Etwa 180 Höhenmeter auf nur 1,2 Kilometern – und danach rund 250 Meter wieder hinunter ins Tal.

Bevor wir uns an den Aufstieg wagten, gönnten wir uns noch einen kleinen Snack – ein bisschen Energie konnte sicher nicht schaden. Und tatsächlich: Der Anstieg lief am Ende besser als gedacht, auch wenn Papa alle 20 Meter auf mich warten musste.

Ich bin einfach eine langsame Wanderin, besonders bergauf – aber das hatte ich ihm ja vorher gesagt!

Oben angekommen, ließen wir unsere Rucksäcke erst einmal fallen und erklommen die letzten Meter bis zum Gipfel leichtfüßig – ohne das ganze Gewicht auf dem Rücken. Die Aussicht dort oben war atemberaubend: Loch Lomond lag tief unter uns, eingerahmt von sanften Hügeln und dunklen Wäldern.

Als wir den Loch Lomond von oben sahen, war das einer dieser Momente, in denen man automatisch langsamer wird. Man bleibt stehen, sagt nichts, schaut einfach nur. Der Blick reicht weit über das Wasser, das sich zwischen den Hügeln verliert, und für einen kurzen Moment scheint alles andere unwichtig.

Von Sonne zu Wolken – und ein harter Abstieg

Wandern entlang des Loch Lomond ist nicht nur schön – es ist ein Eintauchen in eine Landschaft, die eine ganz eigene Ruhe ausstrahlt.

Allerdings hielt das Wetter nicht lange. Innerhalb von wenigen Minuten zog eine dichte Wolkenfront auf – typisch Schottland. Es war mittlerweile schon 14:30 Uhr, und wir wussten: Der Abstieg lag noch vor uns, gefolgt von einer zweiten Etappe von rund vier Stunden und zwölf Kilometern. Also machten wir uns schnell wieder auf den Weg, so gut es eben ging.

Der Abstieg hatte es in sich. Der Weg führte steil bergab – über einen frisch angelegten Steinpfad, der zwar solide gebaut war, aber weder kniefreundlich noch angenehm zu laufen. Jeder Schritt musste sitzen, besonders mit den schweren Rucksäcken, die uns bei jedem falschen Tritt aus dem Gleichgewicht bringen konnten.

Kurze Rast in Balmaha – und lange Kilometer vor uns

Auf einer kleinen Anhöhe saßen ein paar Kühe gemütlich im Gras, und eine ließ sich gerade in aller Ruhe nieder – Papa hielt natürlich die Kamera drauf. Wie gerne hätten wir uns einfach dazugesellt! Stattdessen erwartete uns eine scheinbar endlose Reihe von Steinstufen, die sich ins Tal zogen.

Im unteren Drittel kam uns plötzlich eine Rettungsmannschaft mit Trage entgegen – ein Wanderer war weiter oben umgeknickt, wie wir später im Besucherzentrum von Balmaha erfuhren.

Balmaha ist ein kleines, charmantes Dorf direkt am östlichen Ufer des Loch Lomond – malerisch gelegen und bei Wandernden auf dem West Highland Way ein beliebter Zwischenstopp.

Für uns blieb leider nicht viel Zeit, das Örtchen wirklich zu genießen. Es reichte gerade, um im kleinen Dorfladen schnell ein paar Nudeln mit Tomatensauce zu besorgen und unsere leeren Trinkblasen wieder aufzufüllen. Dabei hätten wir Balmaha gerne etwas länger erkundet – der kleine Hafen, das Besucherzentrum und die gemütlichen Cafés entlang des Ufers hätten definitiv zum Verweilen eingeladen.

Die letzten Kilometer – ein Kampf gegen den Körper

Um 15:45 Uhr verließen wir Balmaha, denn wir wussten: Es lagen noch 12 Kilometer vor uns, und laut unserem Wanderführer sollten wir dafür etwa vier Stunden einplanen. Da unsere nächste Jugendherberge bereits um 19:00 Uhr schloss, rief ich vorsichtshalber dort an, um Bescheid zu geben, dass wir es wahrscheinlich nicht rechtzeitig schaffen würden.

Zum Glück war das kein Problem – man versprach uns, die Schlüssel in einer kleinen Hütte für uns zu hinterlegen. Das beruhigte uns ein wenig, denn so konnten wir die letzte Etappe des Tages ohne zusätzlichen Zeitdruck angehen.

Was nun vor uns lag, war einfach nur noch nervenaufreibend. Jeder Schritt schmerzte, der Körper war völlig erschöpft, und es fühlte sich an, als würden wir uns kaum noch vorwärtsbewegen – egal, wie lange wir liefen.

Vor jedem kleinen Hügel meinte mein Papa optimistisch: „Das war jetzt aber der letzte.“ Leider stimmte das gefühlt nie. Die vier Stunden zogen sich endlos hin, wie frisch gekauter Kaugummi. Wir waren beide am absoluten Limit, und jeder weitere Schritt kostete unendlich viel Überwindung.

Sonnenuntergang in Rowardennan – Erschöpft, aber Glücklich

Wie schön die Landschaft auch gewesen sein mochte – ich habe kaum noch etwas davon wahrgenommen. Der Fokus lag nur noch auf dem Ankommen. Wer selber schon mal eine Langstreckenwanderung erleben durfte, der weiß, auch solche Stunden gehören zu einem solchen Abenteuer einfach mit dazu.

Als wir dann endlich in Rowardennan eintrafen, wurden wir mit einem spektakulären Sonnenuntergang belohnt: der Himmel leuchtete in Orange, Rosa und Gold – ein kurzer Moment der Ruhe nach einem wirklich langen Tag.

Rowardennan ist eine kleine Siedlung am Ostufer des Loch Lomond und markiert einen wichtigen Etappenort auf dem West Highland Way. Sie liegt am Fuße des Ben Lomond, dem südlichsten Munro (ein schottischer Berg über 914 Meter), und ist daher auch ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen auf diesen Gipfel. In Rowardennan gibt es eine Jugendherberge, ein Hotel sowie einen kleinen Bootsanleger – ansonsten ist der Ort eher ruhig und abgelegen. Die Straße endet hier, sodass man nur noch zu Fuß oder per Boot weiterkommt, was ihm eine besondere, abgeschiedene Atmosphäre verleiht.

Der Weg zur Herberge – obwohl es nur noch etwa 15 Minuten waren – hat uns die allerletzten Kraftreserven geraubt. Als wir endlich ankamen, ging fast gar nichts mehr. Insgesamt hatten wir für die letzte Etappe viereinhalb Stunden gebraucht.

Der Tag danach: Alles tut weh – selbst Duschen

Selbst das Duschen war ein Kraftakt – ihr könnt euch nicht vorstellen, wie schwer einem plötzlich einfache Dinge fallen können. Papa schleppte sich noch in den kleinen Honesty Shop der Herberge und kaufte sich eine Fertigpackung Nudeln. Ich hingegen lag einfach nur auf dem Boden, beobachtete ihn – und wäre dabei fast eingeschlafen.

Als wir schließlich ins Bett fielen, war ich innerhalb von 30 Sekunden eingeschlafen. Der Tag war für Wanderanfänger wie uns wirklich eine Herausforderung – körperlich wie mental. Wie wir damit umgegangen sind und was wir daraus gelernt haben, könnt ihr im nächsten Beitrag lesen.

Fazit Stephan

Ab Kilometer 18 war das Auge nicht mehr in der Lage die Schönheit Schottlands wahrzunehmen.