Etappeninfo
- 7.09.2024
- Invernan → Tyndrum
- Schritte: 33.118
- 23,3 km
Herzlich willkommen zum fünften Eintrag meines Reisejournals auf dem West Highland Way!
Diese Fernwanderung habe ich gemeinsam mit meinem Vater Stephan unternommen – daher schreibe ich im Journal meist in der Wir Form. Begleite uns auf unserem Weg durch die raue und wunderschöne Landschaft Schottlands, von den sanften Hügeln bis zu den wilden Highlands.
Erste Nacht im Zelt: Schweiß vs. Frost
Erinnert ihr euch noch an unseren letzten Bericht? Mein Papa und ich hatten unsere erste Campingnacht auf dem Beinglas-Campingplatz hinter uns. Und als wir morgens aufwachten, ging’s uns eigentlich ganz gut. Während ich in meinem Schlafsack fast ein bisschen gefroren habe, hat Papa sich in seinem geliehenen Schlafsack fast einen abgeschwitzt – perfekte Arbeitsteilung, würde ich sagen.
Früher Start in den Wandertag
Um aus den Fehlern unseres „krassen Tages“ zu lernen – und weil wir ja auch noch Zelt und Isomatten zusammenpacken mussten –, sind wir diesmal früh aufgestanden. So gegen 6:30 Uhr krochen wir aus dem Zelt und machten uns fertig. Um 8:15 Uhr verließen wir schließlich den Campingplatz – nur 15 Minuten später als geplant. Für unsere Verhältnisse gar nicht mal so schlecht.
Morgensonne und Wasserfälle
Ich weiß, man kann es kaum glauben – wir selbst auch nicht wirklich – aber wir sind an Tag 5 tatsächlich wieder mit Sonnenschein auf den West Highland Way gestartet. Der Weg führte uns durch kleine Laubwälder und über weite Wiesen, immer entlang des Flusses Falloch. Mal schmal, mal breit, floss das Wasser ruhig oder stürzte mit vollem Schwung durch beeindruckende Wasserfälle. Ein Anblick, der sich wirklich sehen lassen konnte!
Ein Cottage zum Träumen
Bald kamen wir an einem kleinen Cottage vorbei, das mir sofort gefallen hat und in das ich ohne einen Gedanken daran zu verschwenden eingezogen wäre– und Papa wohl auch. Wer weiß, vielleicht verbringen wir in einem solchen traumhaften Cottage in der Zukunft ja nochmal ein paar Tage. Wir hielten kurz inne genossen die Magie Schottlands und zogen dann weiter.
Entengang unterm Schaftunnel
Was uns jedoch völlig unvorbereitet traf, war der Durchgang unter einer Bahnstrecke der vor uns auf der Strecke lag. Diese war nämlich ursprünglich für Schafe gebaut, und ihr könnt euch sicher vorstellen – oder gleich sehen, wenn ihr die Bilder anschaut – wie winzig der Durchgang war. Papa wollte zunächst gebückt, also in einem 90 Grad Winkel, mit seinem Rucksack hindurch, aber aufgrund unserer riesigen Rucksäcke war das einfach nicht möglich. Also watschelten wir wie zwei kleine Enten hindurch – was gar nicht so einfach war, weil man sich gegen das Gewicht des Rucksacks nach vorne lehnen muss. Das erschwerte es, die Füße zu bewegen. Wir haben viel gelacht, was den Prozess natürlich nicht unbedingt verkürzt hat.
Waldwege, Pausenplatz und Aussicht
Den ganzen Tag ging es dann auch stetig bergauf, immer weiter durch Wälder, die mit einem wunderschönen Ausblick auf das Tal belohnt wurden. Hier haben wir uns schließlich auf einen kleinen Baumstamm gepflanzt, um eine wohlverdiente Mittagspause einzulegen.
Crianlarich – Meilenstein, aber ausgelassen
Es ging weiter bergauf, aber wirklich angenehm. Irgendwann erreichten wir die Abzweigung zum Dorf Crianlarich. Ein deutsches Paar erzählte uns, dass es etwa 20 Minuten bergab und dann noch mal 35 Minuten bergauf dauern würde, aber dass es dort gute Möglichkeiten zum Einkaufen und Wasserauffüllen gäbe. Da wir jedoch noch genug Wasser hatten, entschieden wir uns, den Umweg zu vermeiden. Crianlarich liegt übrigens ziemlich genau auf der Hälfte des West Highland Way – ein kleiner Meilenstein auf unserer Reise!
Ein Blick ins Dorfprofil
Auch wenn wir selbst nicht in Crianlarich waren, lässt sich aus den Ratgebern und Berichten einiges über das kleine Dorf erfahren. Crianlarich liegt genau auf halber Strecke des West Highland Way und ist ein beliebter Zwischenstopp für Wanderer. Das Dorf ist umgeben von beeindruckenden Berglandschaften und bietet eine gute Gelegenheit, sich mit Vorräten einzudecken oder das Wasser aufzufüllen. Neben ein paar Pubs und Geschäften gibt es auch historische Sehenswürdigkeiten, wie die St. Conan’s Church, die einen schönen Blick auf Loch Awe bietet. Crianlarich ist insgesamt eher ruhig, aber definitiv ein praktischer Ort, um eine kurze Pause während der Wanderung einzulegen.
Märchenwald und enttäuschte Aussicht
Wir liefen weiter und entdeckten hinter der ersten Abzweigung einen kleinen Gipfel. Normalerweise ist so ein kleiner Hügel ja immer ein guter Aussichtspunkt, an dem man für das anstrengende Bergaufkraxeln belohnt wird – diesmal leider nicht. Aber dafür durften wir durch einen wunderschönen, typisch schottischen Nadelwald wandern, mit moosbewachsenen Steinen und schief stehenden, halb entwurzelten Bäumen – fast ein bisschen wie aus einem Märchen.
Milchkühe, Friedhof und Sonnenbrand
Das Bergabgehen an diesem Tag war übrigens auch richtig angenehm – keine steilen Rutschpartien, sondern schön entspanntes Laufen. Irgendwann kamen wir an einer kleinen Molkerei vorbei. Und weil ich selbst mal eine Zeit lang auf einem richtig schönen Bauernhof mit Milchkühen gelebt habe, kann ich euch mit Sicherheit sagen: Schottische und deutsche Kühe muhen absolut gleich!
Hinter der Farm lag außerdem ein kleiner, uralter Friedhof. Die ältesten Gebeine, die dort begraben sind, stammen wohl aus dem 7. oder 8. Jahrhundert – richtig beeindruckend, auch wenn wir uns das Ganze nicht genauer angeschaut haben. Zusätzlich erfuhren wir, dass genau hier einer der regenreichsten Orte Schottlands liegt: Die Niederschlagsmenge ist etwa zweieinhalb Mal so hoch wie im nur rund 100 Kilometer entfernten Edinburgh. Irgendwie ziemlich ironisch – denn während ich vor dem Schild mit dieser Info stand, blickte ich in strahlend blauen Himmel und spürte den Sonnenbrand auf meinen Armen brennen.
Ausreißer-Schafe und verlorene Schwerter
Ein paar Kilometer hinter der ersten Farm folgte auch schon die nächste – diesmal mit allerliebsten Schafen. Einige von ihnen schienen allerdings der Meinung gewesen zu sein, dass das Gras außerhalb der Gatter besser schmeckt, denn sie waren einfach ausgebüxt. Interessiert hat das aber offenbar niemanden – typisch entspannte schottische Gelassenheit eben.
Der Weg bergab führte uns durch wunderschöne Heidelandschaften und entlang des Loch of the Lost Sword – einem kleinen, mystisch wirkenden See. Der Legende nach soll hier Robert the Bruce, der berühmte schottische König, nach einer verlorenen Schlacht sein bekanntes Langschwert, das Claymore, ins Wasser geworfen haben. Vor ein paar Jahren wurde der See sogar untersucht, um die Geschichte zu überprüfen – gefunden wurde das Schwert allerdings (bisher) nicht.
Müde Füße und Turmbau zu Tyndrum
Die letzten paar Kilometer fielen mir – und besonders meinen Füßen – irgendwie ziemlich schwer. Aber wie sagt man so schön: Wenn man einfach einen Fuß vor den anderen setzt, kommt man irgendwann doch ans Ziel. Kurz vor unserer Übernachtungsmöglichkeit, einer kleinen Hütte auf einem Campingplatz in der Stadt Tyndrum, kamen wir noch an einem besonderen Platz vorbei: Hier hatten viele Wanderer kleine Steintürmchen gebaut. Natürlich konnten wir nicht widerstehen und haben auch unseren eigenen „Twin Tower“ dazugebastelt.
Tyndrum und das All-in-One-Kaufhaus
Unsere Übernachtungsmöglichkeit war echt ganz schön. Trotzdem legten wir nur kurz unsere Rucksäcke ab, schlüpften aus den Wanderschuhen in unsere Crocs und machten uns direkt auf den Weg ins „Städtchen“ Tyndrum. Wobei Stadt vielleicht ein bisschen übertrieben ist – viel mehr als ein paar Häuser gibt es hier nicht.
Unser erstes Ziel war eine Tankstelle, die gleichzeitig Restaurant, Outdoor-Laden und Souvenirshop war – alles unter einem Dach. Dort deckten wir uns mit ein paar Snacks und etwas Brot für den nächsten Tag ein.
Abendessen im Real Food Café
Anschließend ging es ins Real Food Café, das in vielen Wanderführern und auf zahlreichen Webseiten hochgelobt wird. Und das nicht ohne Grund: Hier war richtig was los! Papa und ich sicherten uns etwas zu essen und beobachteten dabei das bunte Treiben. Da mitten durch Tyndrum eine Hauptstraße verläuft, mischten sich hier alle möglichen Leute – Wanderer, Touristen und Einheimische – durcheinander.
Nach dem Essen und dem kurzen Spaziergang zurück zum Campingplatz ging es für uns dann auch schon ab ins Bett. Schließlich wartete am nächsten Morgen die nächste Etappe auf uns – und dafür wollten wir wenigstens halbwegs ausgeschlafen sein.
P.S. Unsere Mitwanderer – liebevoll benannt
Auf dem Weg trifft man immer wieder Personen, die man auf anderen Stationen schon getroffen hat, die vlt. mal ein Foto von uns zusammen gemacht haben, oder mit denen man einen lockeren Plausch über den Weg, die nächste Etappe oder die Ausrüstung hält. Von den wenigsten kennen wir die Namen, macht nichts, jeder bekommt einfach einen Namen von uns.
Die „Twin Ladies“ zwei junge Frauen die sich wirklich sehr gleichen. Sie sind mit leichtem Gepäck unterwegs. Das sieht nach Hotelübernachtung aus. Sie sind flott unterwegs und überholen uns.
„Mr. You-Name-it, I did it“, ein unterhaltsamer amerikanischer Rentner, der dir in 10 Minuten seine Lebensgeschichte erzählt hat, mehrere Wanderführer geschrieben hat 4000km durch Europa gewandert ist und 1 Jahr mit dem Fahrrad unterwegs war, die Tochter forscht im Nuklearbereich…….. Eine nette Frau hatte er auch noch, aber sie kam nicht zu Wort, hat aber mit viel Einsatz Fotos von uns gemacht.
„The German blond curly Lady“, sie begegnete uns schon auf dem ersten Campingplatz, und beeindruckte dadurch, dass sie abends eine Gemüsesuppe mit frischen Zutaten kochte. Wir haben sie an verschiedenen Stellen getroffen und ein nettes Pläuschen gehalten.
„Mulan“ wird sie von Mir genannt und mein Papa nennt sie die „Four-in-one-Lady“, eine drahtige Frau um die Dreißig die so aussieht als wäre sie in Nepal geboren und würde die 8000er vor dem Frühstück machen. Sie hat an unsere 30km Doppeletappe noch zwei weitere drangehängt. Ihr tut nichts weh als wir sie morgens an der Ladestation treffen als wir gerade von unserer Doppeletappe sprechen. 🫣Wir sind hier maximal Medium Level, aber dazu später mehr.
„Storchenbein“, ein schlaksiger junger Deutscher der nicht sonderlich kommunikativ scheint. Wir haben im Café gerade den Tisch gewechselt, jetzt sitzt auch er in unserer Nähe. Er trägt sagen wir mal Leggins über seinen dünnen Beinchen und darüber Shorts. Ein Bild für die Götter. Er ist in weiblicher Begleitung, die es noch nicht zu einen eigenen Namen gebracht hat. Wir mutmaßen, dass sie sich auf dem Weg kennengelernt haben.
(Info von zwei Stunden später: Die beiden scheinen verheiratet zu sein, zumindest rangen sie beide goldene Ringe 😂😂)
„The Danish Couple“, eine junges Pärchen wie aus einer Wanderreportage entsprungen. Er groß und dunkelhaarig, sie klein, blond und quirlich. Die sind wirklich sehr nett. Wir sehen sie an unserem Anreisetag das erste mal: wir warten in dem viel zu kleinen Eingangsbereich auf den Ceck-in als die beiden regennass herein kommen und sie ein herzliches „Wellcome in Scottland“ raushaut. Wir kommen aber erst am ersten Wandertag in unsere Mittagspause ins Gespräch. Wow sind die gut ausgestattet: hier wird der Kocher ausgepackt und heißes Wasser auf das Trockenfutter (5 min Terrine für Profis) gekippt. Selbstversorger und Wildcamper die nur gelegentlich einen Campingplatz 🏕️ für eine Dusche buchen. Sein Rucksack wiegt 20Kg!, fallende Tendenz. Wir treffen sie an verschiedenen Stellen wieder. An den Steintürmchen in Tyndrum erfahren wir, dass sie Pfadfinder waren und dass das tatsächlich erst ihre zweite Fernwanderung ist.
„Das Mutter-Tochter Gespann“: eine deutsche Kombi und so unser erster Eindruck auf dem Campingplatz 1 in Drymen nur mittelmäßig vorbereitet. Mutti klagt schon nach der ersten moderaten Etappe. Sie will auf jeden Fall das Gepäck ablasten uns Sachen ausmisten. Beim Frühstück hält sie ein Sixpack Batterien in der Hand offenbar die Ausbeute auf die sie verzichten kann. An Tag zwei brechen sie vor uns auf. Irgendwann haben wir sie eingeholt auf den Anstieg zum Connic Hill. Die Kondition verlässt sie langsam und das Töchterchen versucht sie mit der Aussicht auf eine eiskalten Cola zu motivieren. Zum Glück wissen die beiden noch nicht, das noch eine nicht enden wollende Steintreppe zum Abstieg auf sie wartet. Prognose: unsere Wege werden sich nicht mehr kreuzen.